Persistierende frühkindliche Reflexe und deren Auswirkungen auf Lernen und Verhalten

Immer mehr Kinder fallen in Kindergartenn und Schule durch motorische Unruhe, Konzentrationsmangel, Sprachschwierigkeiten und Lern- und Verhaltensprobleme auf, obwohl ihre Intelligenz gut oder sehr gut ausgeprägt ist. Häufig sind die Ursachen dafür frühkindliche Restreflexe, die nicht in das Gehirn integriert worden sind.

Definition

Sally Goddard versteht unter einem frühkindlichen Reflex eine automatische, stereotypische Bewegung, die vom Hirnstamm gelenkt und ohne Beteiligung des Kortex ausgeführt wird (Sally Goddard: Greifen und Begreifen, VAK, S.15). Diese Reflexe sollen eine unmittelbare Reaktion auf die Veränderungen der Umgebung sicherstellen, denn das Neugeborene ist noch nicht in der Lage, willkürlich darauf zu reagieren.

 

Beispiele

Moro-Reflex

Durch den Moro-Reflex wird die Kampf- oder Fluchtreaktion ausgelöst. Um mit der Stresssituation fertig zu werden, wird Adrenalin ausgeschüttet. Dadurch steigt der Blutzuckerspiegel. Das Kind fühlt sich zwar momentan wohler, jedoch werden die Blutzuckerreserven schneller aufgebraucht, so dass das Kind durch Stimmungsschwankungen auffällt, müde und gereizt ist und seine Konzentration nachlässt.

Moro-Betroffene fallen durch gesteigerte, teils übertriebene Ängstlichkeit auf. Sie haben Probleme in der Kontaktaufnahme und sind nur schwer in der Lage, Zuneigung zu zeigen bzw. anzunehmen. Sie brauchen die ständige Kontrolle und Gefahren müssen rechtzeitig erkannt werden. Deshalb erweitern sich die Pupillen, um maximale Klarheit für die Fernsicht zu erhalten. Dies bringt Schwierigkeiten beim Lesen und Abschreiben von der Tafel mit sich, da sich die Brennweite mühevoll reduzieren muss, um eine scharfe Nahsicht zu erhalten. Die Genauigkeit und Geschwindigkeit sind beeinträchtigt. Erweiterte Pupillen führen zu einer Überempfindlichkeit in Bezug auf Helligkeit. Das weiße Papier, und auch Sonnenlicht können blenden und das flimmernde, fluoreszierende Licht ist Quelle intensiver Erschöpfung und Verwirrung.

Tonischer Labyrinthreflex (TLR)

Der TLR nimmt Einfluss auf die Verteilung der Muskelspannung im Körper, auf den so genannten Muskeltonus und damit auf die Balance zwischen Streck- und Beugemuskulatur. So lernen die Nervensensoren in den Muskeln, Sehnen und Gelenken auf Veränderungen der Kopfhaltung zu reagieren. Wird der Tonische Labyrinthreflex nicht zeitig unterdrückt (spätestens um den 3. Lebensmonat), so wird der Körper nie ganz frei sein von der Spannung, die der Reflex bewirkt und die Kopfstellreflexe können sich nicht angemessen entwickeln. Sind diese hochspezialisierten Kontrollen nicht gewährleistet, so ist das Gleichgewichtsgefühl des Kindes Beeinträchtigt und sein  visuelles Feld ist instabil. Aufgrund seiner Gleichgewichtsprobleme muss das Kind immer ein gewisses Maß an bewusster Aufmerksamkeit aufbringen, um durch Kompensation seine Stabilität erhalten zu können.

Dies stellt Anforderungen an höhere informationsverarbeitende Gehirnregionen. Dadurch steht weniger Kapazität für die Bewältigung intellektueller Aufgaben zur Verfügung, so dass die Aufmerksamkeit und das Reaktionsvermögen darunter leiden können. Kinder sind wohl aufgrund dessen nicht in der Lage, Fakten und Geschehnisse in eine Ordnung bzw. logische Reihenfolge zu bringen. Dies bildet aber wiederum die Grundlage unseres Erinnerungsvermögens. Diese Kinder wirken häufig unorganisiert und vergesslich. Aufgrund ihrer Problematik verpassen die Kinder viele Informationen und sind dadurch in der Begriffsbildung verlangsamt, wodurch ihre Fähigkeit zum abstrakten Argumentieren eher eingeschränkt ist.

Asymmetrischer Tonischer Nackenreflex (ATNR)

Der ATNR hat mehrere wichtige Funktionen während der ersten sechs Lebensmonate zu erfüllen:

  • Die Ermöglichung der freien Luftzufuhr, wenn der Säugling auf dem Bauch liegt.
  • Die Verstärkung der Muskelstreckung, wobei Einseitigkeit vermieden werden sollte, da es sich sonst nachteilig auf das kontralaterale Kriechmuster auswirken könnte.
  • Das Trainieren der Auge-/Handkoordination, denn mit der visuellen Fixierung auf einen Gegenstand wird sichergestellt, dass sich der richtige Arm dem Gegenstand entgegenstreckt. Auf diese Art und Weise kann sich die Entfernungswahrnehmung herausbilden nämlich von 12 – 17 cm bei der Geburt auf Armeslänge und schließlich auf weitere Entfernungen.
    Ein persistierender ATNR wirkt sich am deutlichsten in der anstrengenden Haltung aus, die das Kind beim Schreiben einnehmen muss. Dreht das Kind den Kopf um seine schreibende Hand zu erfolgen, veranlasst der Reflex die Muskeln des Armes, der Hand und der Finger, sich automatisch zu strecken. Für das Kind ist es extrem anstrengend, seinen Arm im korrekten Winkel zu halten, seine Finger locker um den Stift gebogen zu halten und gleichzeitig auf das zu achten, was es schreibt. Aufgrund der starken Anstrengung, die zur Unterdrückung des ATNR aufgebracht werden muss, sind unweigerlich die geistigen Prozesse gestört, weil gleichzeitiges Schreiben, Zuhören und Verstehen kaum zu bewerkstelligen sind.
    Diese Kinder zeigen im mündlichen Unterricht deutlich mehr Geschick und Begabung. Im Wiedergeben schriftlicher Leistungen versagen sie häufig, ihre Rechtschreibung und Kreativität im freien Schreiben leiden. Schreibarbeiten sind ihnen verhasst. Aufsätze fallen zwangsläufig kürzer aus.

Symmetrischer Tonischer Nackenreflex (STNR)

Der STNR, der zu den Übergangsreflexen gezählt wird, entsteht zwischen dem 6. Und 9. Lebensmonat. Er übernimmt folgende Aufgaben:

  • Den TLR zu hemmen, da sich nun bei der Kopfstreckung die Beine beugen und bei der Kopfbeugung die Beine strecken.
  • Dem Säugling dabei behilflich zu sein, mit der Schwerkraft zurecht zu kommen, wenn er aus der Bauchlage in die Krabbelstellung kommen will.
  • Die Akkommodationsfähigkeit der Augen des Säuglings zu trainieren. Denn, wenn das Kind seinen Kopf hebt, strecken sich seine Arme und es geht automatisch in den Fersensitz. Auf seinen Armen gestützt, kann das Kleinkind in Ruhe in die Ferne schauen. Sobald es den Kopf senkt, beugen sich die Arme und seine Beine heben sich eventuell vom Boden ab. Auf diese Weise fokussiert das Kind automatisch auf die Nähe. Durch diesen Prozess wird die Nah-/Fern- bzw. Fern-/Naheinstellung geübt und damit die Augen-/Handkoordination trainiert.
    Persistiert der STNR, so ist dieser sehr gut an der Haltung des Kindes beim Schreiben zu beobachten, denn das Kind sinkt mit seinem Oberkörper ganz auf die Tischplatte, es sei denn, eine Hand stützt den Kopf. Vielleicht liegt es sogar auf einem Arm, wodurch ein Auge und ein Ohr zugedeckt sind. Dadurch verliert es den Vorteil beidäugigen Sehens und wird müde und unaufmerksam. Zudem befindet sich die noch entwickelnde Wirbelsäule und Muskulatur in einer verrenkten und ermüdenden Haltung. Betroffene Kinder hocken gerne auf einem oder beiden Füssen bzw. winden die Beine um die Stuhl- und Tischbeine, um mit der Muskelspannung fertig zu werden. Auf dem Boden sitzen sie gerne in der W-Stellung.

Sozialkompetenz und Motivation

Verhaltensprobleme bei Kindern sind bereits im Vorschulalter weit verbreitet. Dies legt nahe, möglichst früh mit der Prävention zu beginnen. Häufig entstehen die Probleme durch ein komplexes Zusammenwirken von sozialen, psychischen und biologischen Risikofaktoren. Dies eröffnet einerseits die Chance, mit der Prävention in verschiedenen Bereichen anzusetzen (z.B. bei der elterlichen Erziehung, bei den Kompetenzen der Kinder, in der medizinischen Vorsorge oder bei den sozialen Rahmenbedingungen). Wegen des komplexen Bedingungsgefüges darf man aber auch von einzelnen Maßnahmen keine Wunderdinge erwarten. Ich beziehe mich in meinem Training z.B. auf das 15- Schritte-Programm für Kinder und Jugendliche von Ben Furman.